Attacken bei Migräne
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Attacken bei Migräne sind in besonderem Maße
geeignet, das körperliche Allgemeinbefinden beträchtlich zu stören. Das
Beschwerdebild tritt nicht einheitlich auf, sondern in den verschiedensten
Variationen. Von eminenter Bedeutung ist deshalb bei Migräne eine genaue
Anamnese
(= Erhebung der Vorgeschichte).
Diese erlaubt nicht nur eine exakte
Klassifikation
(= Bestimmung, Einteilung),
sondern kann Hinweise auf mögliche
organische Ursachen geben und ist dann richtungsweisend für weiterführende
Untersuchungen.
Es empfiehlt sich, einen
standardisierten Fragebogen zu verwenden, um möglichst alle Kriterien zu
erfassen. Lokalisation, Dauer und Häufigkeit von Schm erz attacken
sowie Angaben
zur Schmerzqualität sind genau zu erfragen. Für die Thera pie
kann die Kenntnis
spezifischer Auslösesituationen oder- mechanismen von großem Wert sein. Dazu
gehört auch die Frage nach bisherigen erfolglosen Therapieversuchen. Der
Patient ist zu Recht enttäuscht, wenn ihm Methoden, die ihm bisher keine
Erleichterung brachten, noch einmal angeboten werden.
Erfolg oder Mißerfolg in der Behandlun g der Attacken bei Migräne wird, besonders bei Versuchen zur
Anfallsprophy laxe (=
Vor beugung
von
Attacken),
erst durch Dokumentation aller
Kopfschmerzereignisse über einen längeren Zeitraum (Migräne-Tagebuch)
beurteilbar.
Wichtig ist auch die Erhebung einer biographischen Anamnese (=
Erhebung der Vorgeschichte unter psychosozialen Aspekten),
um den Einfluß psychischer Belastungen auf das Schmerzgeschehen im Sinne einer
Beschwerdeverstärkung oder gar -auslösung beurteilen zu können.
Die Attacken treten bei der Migräne in typischer Weise bevorzugt
halbseitig auf, begleitet
von Übelkeit bis hin zu Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit. Darüber
hinaus kann es zu Ner
ven
Fast jedem Migräne-Patient sind sind auslösende Faktoren bekannt,
hauptsächlich der Genuß von Alkohol, insbes. Rotwein, oder bestimmte
Käsesorten.
Ätiologie
(= Krankheitsursache) und Pathogenese (= Krankheitsentwicklung) der Migräne sind letztlich noch nicht sicher geklärt. Nach der IHS-Klassifikation von 1988 gibt es hauptsächlich zwei Gruppen: Migräne mit und ohne Aura. Die frühere Einteilung in einfache, klassische und komplizierte Migräne wurde aufgegeben.Die einzelnen Migräne -Typen (IHS-codierte Klassifikation )(Göbel 1994) sind:
|
Migräne ohne Aura |
|
Migräne mit Aura |
|
Migräne mit typischer Aura |
|
Migräne mit prolongierter Aura |
|
Familiäre hem iplegische Aura |
|
Basila ris- Migräne |
|
Migräne-Au ra ohne Kop fschmerz |
|
Migräne mit akutem Aurabeginn |
|
Ophthalmoplegische Migräne |
|
Retinale Migräne |
|
Periodische Syndrome in der Kindheit als möglicher |
|
Vorläufer oder Begleiterscheinungen einer Migräne |
|
Gutartiger paroxysmaler Schwindel in der Kindheit |
|
Alternierende Hem iplegie in der Kindheit |
|
Migräne -Komplikationen: |
|
Status migraenosus |
|
Migränöser Infar kt |
|
Migräneartige Störungen, die die genannten Kriterien nicht erfüllen |
Die genaue Klassifikation der Migräne -Kopfschmerzarten ist manchmal nicht ganz einfach, weshalb nachstehend einige Erläuterungen folgen:
Als typische Anfangssymptome einer Migräne (Aura) gelten Sehstörungen, (halbseitige) sensible und motorische
(= Bewegungs-) Störungen sowie Dysphasie (= Sprachausdrucksstörungen). Die Krankheitszeichen entwickeln sich i.d.R. über einen Zeitraum von fünf bis 30 Minuten und klingen innerhalb einer Stunde wieder völlig ab.Behandlun g der Attacken: Zunächst muß der Patient eingehend über die Er krankung aufgeklärt und über die Behandlungsmöglichkeiten informiert werden. Auf anamnestisch
(= aus der Vorgeschichte) eruierte auslösende Faktoren (z.B. Schokolade, Käse, Rotwein) sollte besonders eingegangen werden. Hinweise auf eine vernünftige Lebensweise sind hilfreich, so z.B. regelmäßige Ruhezeiten, maßvolle körperliche Aktivitäten, möglichst Verzicht auf Alkohol und Nikotin und Vermeidung von Streßsituationen.Die Behandlun g akuter Attacken:
Ganz wichtig ist der Hinweis,
daß Analgetika
Ergotaminpräparate sind klassische
Pharmaka zur Kupierung der Attacken bei Migräne, wegen der möglichen
Nebenwirkungen jedoch nicht ganz unproblematisch. Die Gefahr einer Gewöhnung
und Auslösung eines zusätzlichen Dauerkopfschmerzes steigt mit zunehmender
Einnahmehäufigkeit. Aus diesem Grunde sollten pro Woche nicht mehr als 6mg
Ergotamintartrat und pro Migräne-Attacke nicht mehr als 4mg eingenommen werden
(Göbel, Ensink et. Soyka 1994).
Grundsätzlich gilt auch hier,
daß die Verwendung von Mischpräparaten (z.B.
Ergotamintartrat mit Koffein oder Prophyphenazon, Codein, Paracetamol usw.)
gegen die Attacken bei Migräne strikt vermieden werden soll. Auf dieser Therapiestufe kann auch
Dihydroergotamin (Hydergin®) i.m. (= in den Mus kel)
oder ganz langsam i.v. (= in eine Blutader) versucht werden
(1-1,5mg).
Gehen die Attacken mit ausgeprägten vegetativen Erscheinungen einher, hat sich die zusätzliche Gabe von 1-2 mg
Flunitrazepam (Rohypnol®) (= ein Schlafmittel) sehr bewährt, auch unter dem Aspekt, Schmerzmittel einzusparen, zumal die
Patienten in dieser Situation ohnehin das Bedürfnis haben, sich hinzulegen.
Werden die Attacken bei Migräne von Nausea (=
Übelkeit, Brechreiz) und Erbrechen begleitet
(evtl. auch schon vor dem erwarteten Auftreten dieser Symptome), ist die
Verabreichung von Metoclopramid (Paspertin®) sehr wirksam, zum Einnehmen
oder als Zäpfchen bis zu 20mg, i.m. oder i.v. 10mg. Metoclopramid sollte nicht
an Kinder unter 10 Jahren verabreicht werden. Es ist vorteilhaft, diese Substanz
vor einem Analgetikum (= Schmerzmittel)
einzunehmen, weil Metoclopramid die Darmtätigkeit steigert und somit die
Resorption (= Aufnahme im Dar m)
weiterer verabreichter Substanzen fördert. Alternativ kann auch der
Dopamin-Antagonist Domperidon (Motilium®) verwendet werden, Tabletten oder
Tropfen bis zu 30mg.
Unter stationären Bedingungen, denkbar auch in einem
separaten Raum innerhalb einer Praxis, hat sich die Verabreichung
einer Infusion (500ml Kochsalzlösung) mit 1g ASS (Aspisol®) kombiniert mit
10mg Metoclopramid (z.B. Paspertin®) und 1-2mg Flunitrazepam (z.B.
Rohypnol®)
sehr bewährt, bei heftigen Schmerzen zusätzlich 50-100mg Tramadol (z.B. Tramal®).
Die therapeutische Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika)
ist im bereits voll entwickelten, akuten An fall wenig hilfreich.
Allerdings kann bei frühzeitiger Durchführung die Symptomatik in vielen
Fällen abgeschwächt werden, so daß oftmals Analgetika (=
Schmerzmittel) gar nicht oder in weit geringerer
Dosierung als sonst üblich eingenommen werden müssen.
Wir blockieren
vorzugsweise mit Bupivacain 0,5% die Ner
ven
Wenn Attacken gehäuft (mehrmals pro Woche) auftreten, sind im Rahmen einer
stationären Behandlun g schmerzseitige Blockaden
(= Betäubungen) des Gangl ion stella tum
(= eine vegetative Schaltstelle im seitlichen Halsbereich)
in engmaschiger Abfolge sehr hilfreich.
Arten die Attacken in einen Status migraenosus
(= länger als 72h anhaltende Attacken)
aus, so ist dies eine Indikation (= Anzeige) zur stationären Aufnahme.
Bewährt hat sich
die mehrmalige (2-3x in 24 Std.) Verabreichung von 1-2mg Flunitrazepam (z.B.
Rohypnol®), initial zusammen mit 40mg Prothipendyl (z.B. Dominal forte®),
sowie eine Tropfinfusion mit 100 mg Tramadol, 1g
Aspisol® und 10-20mg Metoclopramid. Bei anhaltendem Erbrechen sollte mit der Gabe von
Dehydrobenzperidol (z.B. 2,5 mg i.m.) nicht gezögert werden.
Allgemeinmaßnahme während der Attacken: Reizabschirmung (ruhiges und verdunkeltes Zimmer).
Prophy laxe (Vor beugung) der
Attacken:
Nicht immer sind die Patienten bereit, auch im
schmerzfreien Intervall konsequent Medikamente einzunehmen, so daß oftmals eine
ausführliche Aufklärung erforderlich ist. Eine medikamentöse Vor beugung
der Attacken
sollte nur
dann erfolgen, wenn die Migräne mindestens zwei mal pro Monat auftritt. Nach Göbel und Soyka (1994) ist die Indikation auch
gegeben, wenn im bisherigen Verlauf mindestens zweimal ein Status migraenosus,
eine prolongierte (= verlängerte)
Aura oder einmalig ein migränöser Infar kt (=
Gewebszerstörung in bestimmten Hirnbereichen infolge von Sauerstoffmangel)
aufgetreten sind.
Als M ittel
der ersten Wahl gelten Beta-Rezeptorenblocker
(= eigentlich Blutdruckmittel, aber zur Vor beugung
von Attacken).
Allerdings haben nicht alle Substanzen aus dieser Gruppe eine vorbeugende
Wirkung. Relativ sicher wirken Propanolol und Metoprolol (Diener
1989); beide Substanzen werden langsam einschleichend dosiert. Die tägliche
Höchstdosierung für Metoprolol (z.B. Beloc®) beträgt 200mg, für Propanolol
(z.B. Dociton®) 240mg. Bei Ausbildung nicht tolerierbarer orthostatischer
(= den Kreislauf betreffende)
Störungen oder einer Bradykardie (=
zu langsamer Puls) muß die Behandlun g abgebrochen
werden (ausschleichend). In der Einschleichphase müssen daher regelmäßige
Puls- und Blutdruckkontrollen durchgeführt werden. Die Wirkungsweise der
Beta-Blocker in Bezug auf die Attacken bei der Migräne ist noch nicht sicher
bekannt.
Zur Intervall-Behandlun g eignen sich auch Kalzium-Antagonisten
(= ein Mi ttel
das der Wirkung von
Kalzium entgegenwirkt). Flunarizin (Sibelium®)
sollte aufgrund einer Bewertung durch das Bundesgesundheitsamt nur bei Patienten
eingesetzt werden, bei denen schwere Attacken häufiger auftreten und bei denen eine
Behandlun g mit Beta-Blockern kontraindiziert (=
gegenangezeigt) ist bzw. keine ausreichende
Wirkung gezeigt hat. Nach einer Studie hat sich Cyclandelat (Natil®) zur
Prophylaxe nicht bewährt.
Eine weitere Prophylaxemöglichkeit (3. Wahl) besteht in der Verabreichung von Serotonin-Antagonisten
(= Mi ttel, die dem Gewebshormon
Serotonin entgegenwirken).
Pizotifen (Sandomigran®) hat einen hemmenden
Effekt auf die Serotonin-Freisetzung im Anfangsstadium der Migräne. Lisurid (Cuvalit®),
ein Ergota min -Derivat, ist ein Serotonin -Partialantagonist. Die Tagesdosis
beträgt 0,075 mg. Im Gegensatz zu anderen Autoren (Soyka 1989) wird
diese Substanz bei uns kaum verwendet, da bisherige Therapieversuche nicht
überzeugt haben.
Zur Prophylaxe der Attacken bei der sog. menstruellen (=
regelbedingten) Migräne
soll Sulpirid
(Dogmatil®) hilfreich sein (Thoden 1986). Göbel und
Soyka (1994) empfehlen eine "Kurzzeitprophy laxe" mit 250-500 mg
Naproxen, vier Tage vor der erwarteten Regel bis drei Tage danach.
Das Derivat
der Lysergsäure, Dihydroergotamin (Hydergin®) ist zur Vor beugung
des Migräne
-Kopfschmerzes umstritten. So wird es z.B. in anglo-amerikanischen Ländern
dafür nicht verwendet.
Zur
Migräneprophylaxe
(=
Migränevorbeugung)
ist in Deutschland auch das Antiepileptikum (= eigentlich ein Mittel gegen die Fallsucht)
Topiramat (Topamax®) zugelassen. Dieses Medikament sollte aber nur bei
Erwachsenen angewendet werden und nur dann, wenn eine Therapie mit
Betablockern nicht indiziert (= angezeigt) ist,
zuvor nicht erfolgreich war oder nicht vertragen wurde.
Nach einem Bericht in der Welt (19.4.04) soll zur
Vorbeugung der
Migräne mit Aura die
auch regelmäßige Zufuhr von Folsäure
geeignet sein.
Wenn die Attacken gehäuft (z.B. mehrmals pro Woche) auftreten und andere
vorbeugende Medikamente (z.B. Beta-Blocker) nicht greifen, ist nach unserer
Erfahrung auch die therapeutische Lokalanästhesie
(= Behan dlung
mit einem örtlichen Betäubungsmittel) lohnend, besonders wenn sie
über 2-3 Wochen unter stationären Bedingungen 2x täglich konsequent
durchgeführt wird (Leeser et Hefermann, Schmerzklinik Bad
Mergentheim 1990). Dabei betäuben
wir, wie zur akuten Behandlun g schon beschrieben, die das Kranium
(= den knöchernen Schädel)
versorgenden Ner
ven
Die Wirkungsweise dieser Behandlun g ist nicht geklärt, vermutlich kommt es zu einer tiefgreifenden
neurovegetativen Umstimmung.
Diese Wirkungsvorstellung ähnelt sehr dem
neuraltherapeutischen Konzept, allerdings mit dem Unterschied, daß statt
Procain das langwirkende örtliche Betäubungsmittel Bupivacain verwendet wird.
Ergänzende Methoden:
Meist werden die
folgenden Methoden ergänzend eingesetzt, d.h. als Monotherapie (=
alleinige Behan dlung) ist die Wirkung in der Regel nicht ausreichend.
Eine der klassischen
Indikationen für die Akupunktur sind
Kop fschmerzen. Zur
Behandlun g dominieren Nadelpunkte auf dem Gallenblasen-Meridian, so
z.B. die Punkte 3, 17, 40 und 43, zusätzlich das Lenkergefäß 25 in der Mitte
der Nasenwurzel (Kossmann et al. 1986). Es sei darauf hingewiesen, daß
auch für die Behandlun g der Migräne mit Akupunktur (noch) keine
wissenschaftlich exakten Ergebnisnachweise vorliegen.
Die Attacken bei Migräne können mit der transkutane
Nervenstimulation mittels Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS)
durchaus gelindert werden, wenn diese Methode bei den ersten Anzeichen einer Attacke
durchgeführt wird, manchmal kann sogar der Ausbruch eines Anfalls damit
verhindert werden.
Bei vielen Migräne-Patienten fällt auf, daß auch im schmerzfreien Intervall die an die
Halswir belsäule
angrenzende Mus kulatur, teilweise auch die Schultermuskulatur
verspannt ist. In diesen Fällen hat sich die Verordnung von physikalischen
Therapiemaßnahmen (z. B. Fango, Kältebehandlung) und Krankengymnastik
als ergänzende Behandlun g bewährt. Manchmal kann auch durch eine manuelle
Lymphdrainage im Kop f-/Halsbereich eine deutliche Linderung erzielt werden.
Zu erwähnen wäre auch die Hydrotherapie
in Form von Wechselbädern der Extrem itäten
(= Ar me, B eine) und/ oder Kneippschen Güssen.
Wahrscheinlich beruht der oft zu beobachtende positive Effekt auf einer
neurovegetativen Umstimmung im Sinne eines ganzheitlichen Behandlungsansatzes.
Bewährt hat sich auch Biofeedback
(= Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale).
Auch
psychologischen Interventionen
sinnvoll:
hauptsächlich Entspannungstechniken, Schmerz- und Streßbewältigungstraining.
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Aktualisiert: 13.12.06
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